Ausgangslage und Problemstellung
Das Rheinische Revier steht vor einer tiefgreifenden wasserwirtschaftlichen Transformation. Jahrzehntelanger Braunkohleabbau hat Grundwasserleiter, Oberflächengewässer und Feuchtgebiete nachhaltig verändert. Monitoring für das Rheinische Braunkohlerevier | Bezirksregierung Köln Mit dem Ende des Tagebaus beginnt die langfristige Neuordnung des Wasserhaushalts – technisch anspruchsvoll, ökologisch sensibel und mit Belastungen, die über Generationen gemanagt werden müssen.
Zentraler Ausgangspunkt der Veränderungen des niederrheinischen Wasserhaushalts sind Entwässerungsmaßnahmen rund um die Tagebaulöcher. LANUK NRW: Folgen für den Wasserhaushalt Um die Tagebaue trocken zu halten, muss das Niederschlagswasser abgepumpt und das nachfließende Grundwasser mithilfe von Sümpfungsbrunnen gehoben werden, die rund um das Abbaufeld stehen.
Grundwasserentwicklung und Reinfiltration
Durch diese großflächigen Sümpfungsmaßnahmen entleeren sich die Grundwasserleiter, und es bildet sich ein weiträumiger Absenkungstrichter. Nach Angaben des BUND sind rund zehn Prozent der Landesfläche Nordrhein-Westfalens – etwa 3.200 Quadratkilometer – von den Auswirkungen bergbaubedingter Grundwasserabsenkungen betroffen. Braunkohlentagebaue und Gewässerschutz
Zur Stützung des Grundwassers werden vom Erftverband Reinfiltrationsmaßnahmen mit sogenanntem Ökowasser durchgeführt, das in den Ökowasserwerken Jüchen und Wanlo aus Sümpfungswasser gewonnen wird. Ziel der Maßnahmen ist es, die Wassermenge in den Grundwasserleitern, den davon abhängigen Feuchtgebieten und den damit verbundenen Oberflächengewässern zu stabilisieren. Infiltrationswasser | Erftverband
Neben der Frage der Mengenverfügbarkeit besteht das Problem, dass das Grundwasser seine Strömungsrichtungen verändern könnte, was sich auf die benachbarten Flussgebiete wie Maas, Erft und Rhein auswirken würde. Mit dem schrittweisen Hochfahren der Grundwasserstände nach dem Tagebauende könnten neue Gradienten entstehen. Belastbare Aussagen zur künftigen Strömung bleiben jedoch unsicher und erfordern ein engmaschiges Monitoring.
Oberflächengewässer und Feuchtgebiete
Auch die Oberflächengewässer sind von den Sümpfungsmaßnahmen betroffen. Sie verlieren ihren Grundwasseranschluss und sind auf künstliche Wasserzufuhr angewiesen. Im Nordraum des Rheinischen Reviers wird Ökowasser direkt eingeleitet, um die Bachläufe zu stützen. Dabei weist die Wassermenge eine deutliche Differenz zu dem vorbergbaulichen Zustand auf. Die Erft, über die das überschüssige Sümpfungswasser aus dem Tagebau Hambach abgeleitet wird, führt dreimal so viel Wasser wie vor Beginn des Braunkohleabbaus. Andere Oberflächengewässer weisen dagegen einen deutlich niedrigeren Wasserstand als vorher auf. Bäche wie der Kelzenberger Bach und der Kommern Bach in Jüchen sind gänzlich trockengefallen und werden nicht künstlich gestützt. (Foto: trockengefallener Kelzenberger Bach in Schloss Dyck/Jüchen; B.Wollbold)
Neben der Wassermenge ist aber auch die Wasserqualität der Oberflächengewässer im Nordraum unzureichend. Wie in der Bestandsaufnahme 2025 des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW gezeigt, weisen die Oberflächengewässer im Nordraum erhöhte Schwermetallbelastungen auf. Maas Nord NRW | flussgebiete.nrw
Neben den Oberflächengewässern leiden auch Feuchtgebiete wie Moore, Bruchwälder und Auen unter den abgesunkenen Grundwasserständen und zeigen Austrocknungstendenzen. Punktuelle und flächenhafte Infiltrationsmaßnahmen sollen die Wasserstände heben, Habitate stabilisieren und Wiedervernässungen einleiten. Das unmittelbare Umfeld wasserführender Bäche weist bezüglich der Flora und Fauna einen viel besseren ökologischen Zustand als ausgetrocknete Bachbetten auf.
Foto: B. Wollbold gestützter Trietbach in Korschenbroich
Nachnutzung der Tagebaue und Böschungsstabilität
Mit dem Ende des Braunkohleabbaus rückt der Umgang mit den verbliebenen Tagebaulöchern in den Fokus. Gutachten – etwa von FUMINCO – zeigen Massendefizite zwischen dem abgeförderten Erdreich und dem verfügbaren Verkippungsmaterial. Großräumige Hohlformen bleiben bestehen. Die geotechnische Stabilität der Böschungen verlangt über Jahre eine kontrollierte Steuerung der Wasserstände.
Ein gestuftes Befüllen der Restlöcher mit Wasser ist vorgesehen und erfordert die Weiterführung lokaler Sümpfungsmaßnahmen, um Spannungsrisse und Rutschungen zu vermeiden. Künftige Tagebauseen werden zu prägenden Landschaftselementen und sollen über Uferfiltration und gezielte Infiltrationsmaßnahmen zur Wiederauffüllung ausgetrockneter Grundwasserleiter beitragen. Die Zukunft der Wasserversorgung im Rheinischen Revier | Erftverband
Rheinwassertransportleitung
Für die Bereitstellung der großen Wasservolumina ist eine Rheinwassertransportleitung (RWTL) für die Tagebaue Garzweiler und Hambach geplant. Bei Dormagen sollen dem Rhein bis zu 18 Kubikmeter Wasser pro Sekunde entnommen und über das Verteilerbauwerk in Allrath in die beiden Restlöcher gepumpt werden. Rheinwassertransportleitung
Ziel ist, die künftige Wasserversorgung im Rheinischen Revier, die Wiederbefüllung der Grundwasserleiter, den Erhalt der Oberflächengewässer und die Wasserversorgung der Feuchtgebiete im Raum Mönchengladbach und Schwalm-Nette zu garantieren. Auch wenn die Rheinwassertransportleitung für das Wasserdargebot im Nordkreis unverzichtbar ist, stellen sich Fragen bezüglich der Wasserqualität des künftigen Tagebausees sowie möglicher Verunreinigungen der Grundwasserleiter durch zurückströmendes Seewasser.
Wasserqualität – Risiken für die künftigen Tagebausee
Mit Blick auf die Wasserqualität verlangen die Tagebauseen und die Wiederauffüllung der Grundwasserleiter besondere Aufmerksamkeit. Rheinwasser führt jahres- und ereignisabhängig anthropogene Verunreinigungen wie PFAS, Mikroplastik und Medikamentenrückstände. Die vorgesehenen mechanischen Vorreinigungen sind nicht ausreichend, um das Eindringen von Schadstoffen aus dem Rhein in den künftigen Tagebausee zu verhindern. Hier gilt es, über weitere Vorreinigungsmaßnahmen nachzudenken.
Risiken bleiben außerdem durch das Eindringen von Wasser in den Kippenkörper, wodurch Sulfat und Schwermetalle ausgeschwemmt werden können. Diese Prozesse bergen das Risiko einer Versauerung der Tagebauseen, weshalb Puffermaßnahmen mit Kalk nötig sind. Altstandorte wie Kraftwerksreststoff‑Deponien erfordern ein zusätzliches Langzeitmonitoring und gegebenenfalls weitere Sicherungsmaßnahmen, um Schadstoffeinträge in die Tagebauseen zu unterbinden. 2014_07_BUNDhintergrund_KWR_Deponien_.pdf Kraftwerksreststoff-Deponien – Tickende Zeitbomben?
Wasserqualität – Risiken für Wiederauffüllung der Grundwasserleiter
Aus den Tagebauseen strömt künftig Wasser in die Grundwasserleiter zurück. Dadurch können Sulfat, Schwermetalle und Mikroschadstoffe in die Grundwasserleiter eindringen und diese langfristig verunreinigen. Folgen des Braunkohlergbaus für Grundwasser – Bergbaufolgen – sachsen.de
Im Hintergrundpapier Braunkohle wird daher darüber nachgedacht, das zurückströmende Wasser im Bereich der Kippe nochmals zu heben und in den Ökowasserwerken vorzureinigen, bevor es weiterverwendet wird. BK-Hintergrundpapier_Braunkohle_BWP2015_final.pdf Das Eindringen von Seewasser in die entleerten Grundwasserleiter ist zwar notwendig für die Erholung des Wasserhaushalts im gesamten Revier, bedarf aber konsequenter Qualitätskontrollen. jahresbericht_garzweiler_2024_final.pdf Wo erforderlich, müssen hydraulische Regelkreise durch Heben des Grundwassers über Brunnengalerien, Reinigung des geförderten Wassers und anschließende Wiederversickerung etabliert werden.
Oberflächengewässer und Feuchtgebieten nach Ende des Tagebaus
Die Belastung des Grundwassers führt zu Folgeproblemen bei der chemischen Wasserqualität der Bäche und Flüsse im Rheinischen Revier.
Was die Wassermenge betrifft, wird es für die Oberflächengewässer weiterhin notwendig sein, Stützungsmaßnahmen fortzuführen, bis die Grundwasserleiter ihre Funktionsfähigkeit wiedererlangt haben. Ob und wann Grundwasser die Oberflächengewässer wieder speisen wird, ist heute nicht seriös vorhersehbar. Da die neue Tagebauseen, Infiltrationsfelder und ansteigende Grundwasserstände die unterirdischen Wassergleichen verändern, stellt sich die Frage potenzieller Ewigkeitslasten nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch und finanziell: Betrieb, Monitoring und mögliche Sanierungen müssen langfristig abgesichert werden. Zur Wiederherstellung des vorbergbaulichen Zustands ist RWE als Tagebaubetreiber verpflichtet.
Was die Zukunft einzelner Flüsse betrifft, plant der Erftverband zurzeit den Umbau der Erft, um die Anpassung an die neuen Wasserstände bewältigen zu können. Perspektivkonzept – Erftverband Der Gillbach in Rommerskirchen, in den zurzeit das Kühlwasser aus dem Kraftwerk Niederaußem abgeleitet wird, soll künftig in seinem Oberlauf nur noch als ephemeres Gewässer durch Niederschlagswasser gespeist werden.
Trinkwasserversorgung im Wandel
Schließlich berührt das Tagebauende auch die Trinkwasserversorgung. Im Nordraum können bestehende Wasserwerke wegen höherer Mineralgehalte nicht mehr auf vertraute Rohwasserquellen zurückgreifen. In Grevenbroich muss das Werk Elsen-Fürth geschlossen werden. Auch die nächstliegende Variante, das Rohwasser nördlich aus dem Korschenbroicher Feld zu entnehmen, wurde laut NEW wegen möglicher chemisch-biologischer Veränderung des Grundwassers verworfen. Grevenbroich: Zwei Varianten für künftige Trinkwasser-Versorgung Stattdessen wird über den Bau neuer Leitungen im 50 km entfernten Neukirchen‑Fluyn nachgedacht, wo Trinkwasser aus Rheinuferfiltrat gewonnen wird, um die Versorgungssicherheit und Qualität des Grevenbroicher Trinkwassers zu gewährleisten
Fazit
Die Veränderungen des Wasserhaushalts im Rheinischen Revier lassen sich nicht einfach zurückdrehen, sondern nur vorausschauend neu ordnen. Mit der Befüllung der Tagebaulöcher entstehen Probleme bezüglich der ökologischen Qualität der künftigen Tagebauseen, der Wiederauffüllung der Grundwasserleiter sowie der von ihnen abhängigen Oberflächengewässer und Feuchtgebiete. Die kritische Begleitung dieses Prozesses durch die Öffentlichkeit und die Politik ist notwendig, um diese anspruchsvolle Jahrhundertaufgabe zu bewältigen.




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